Als Mediatrice Mukasharangabo 2006 die Selbsthilfegrupppe „Association WIKWIHEBA MWANA“ gründete, wusste sie noch nicht, dass aus dieser kleinen Gruppe in den nächsten Jahren eine Anlaufstelle für Familien mit Kindern mit Behinderung aus der ganzen Ostprovinz Ruandas werden sollte.

Mit anderen Familien hatte sich Mediatrice als Mutter zweier an Epilepsie leidender Kinder zusammengeschlossen, um den Alltag mit Kindern mit Behinderung zusammen besser zu meistern. Da einige Eltern in den kommenden Monaten immer häufiger ihre beeinträchtigen Kinder in Mediatrice' Obhut geben wollten, wurde aus der „Association WIKWIHEBA MWANA“ bald „Centre WIKWIHEBA MWANA“, ein Zentrum, in dem Mädchen und Jungen mit Behinderung dauerhaft wohnen können. „WIKWIHEBA MWANA“ heißt: Kind sei nicht hoffnungslos. Hier im Zentrum sollte dieses Motto durch die Betreuung sowie Versorgung mit ausreichend Nahrung, Kleidung und Medikamenten umgesetzt werden.

Aufgrund mangelnden medizinischen und sozialpädagogischen Wissens ist das Behindert-Sein in großen Teilen der ruandischen Gesellschaft negativ behaftet. Ein Kind mit Behinderung bedeutet für eine Familie immer eine große Belastung, weshalb die Kinder oft benachteiligt und vernachlässigt werden. Zum einen sind besondere Förderungen kaum verfügbar oder nicht bezahlbar und zum anderen schämen sich Eltern und Geschwister für ihre beeinträchtigten Familienmitglieder. Die Strafe Gottes ist nicht selten Erklärung für das Gebären eines behinderten Kindes. Von Seiten der Politik gibt es immer wieder Versuche, die Situation zu verbessern. Momentan kann ein schrittweises Umdenken in der ruandischen Gesellschaft beobachtet werden. Kennzeichen hierfür sind Gesetze zu inklusiven Bildungsansätzen, eine zunehmende Stärkung der Familien und Kooperationen mit Fachkräften aus anderen Ländern aus sozialpädagogischen, psychologischen und medizinischen Bereichen. Die Behindertenvereinigung „Bund der Assoziation der Behinderten“ stellt per Gesetz eine*n Parlamentsabgeordnete*n zur Vertretung der Belange von Menschen mit Behinderung. Dennoch sind Entwicklungsmöglichkeiten und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nur sehr eingeschränkt vorhanden.

Viele Familien sind somit mit der Versorgung behinderter Kinder überfordert. Médiatrice Mukasharangobo erkannte die Hilflosigkeit vieler Eltern und die damit verbundenen, oft schlechten Bedingungen, in denen Kinder mit Behinderung in Ruanda leben.

Über die Jahre hinweg entwickelte sich das Zentrum stetig weiter. Seit dem Jahreswechsel 2018/ 2019 befindet sich das Zentrum in einem Transformationsprozess, angeregt durch ein wachsendes, politisches Bewusstsein gegenüber den Rechten und Bedürfnissen von Kindern mit Behinderungen in der ruandischen Gesellschaft. Während WIKWIHEBA MWANA lange Zeit vor allem ein Zentrum war, in dem (mitunter bis zu 50) Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 2 und 25 Jahren dauerhaft lebten und betreut wurden, wandelt sich das Zentrum momentan zu einer inklusiven Ganztagsschule mit integrierter Kindertagesstätte. Ca. 100 Kinder mit und ohne Behinderung werden so seit dem Sommer 2019 auf dem Zentrumsgelände beschult. Weitere 35 Kinder aus der Region werden im Rahmen einer Kindertagesstätte ebenfalls auf dem Zentrumsgelände betreut. Durch geplante Neubauten und personelle Umstrukturierungen stellt sich die Leiterin Mediatrice den veränderten Anforderungen.
Angeregt und begleitet durch die britische Organisation „Hope and Homes for Children“ wurden die, bisher im Zentrum lebenden Kinder und Jugendlichen zu ihren Familien zurückgeführt. Eine Begleitung der Übergänge erfolgt in Form von unregelmäßigen Besuchen, aufsuchender Physiotherapie und ab September 2019 durch sonderpädagogische Trainings für die Mitarbeiter*innen.
Somit stehen kontinuierlich Ideen und Weiterentwicklungsvorschläge im Raum, bei deren Umsetzung INGEAR dem Zentrum zur Seite stehen möchte. Außerdem hilft INGEAR bei der Finanzierung der monatlichen Fixkosten wie Personalkosten und der Bezahlung von Lebensmitteln.

Das Zentrum WIKWIHEBA MWANA ist zu einem vielschichtigen kleinen Unternehmen gewachsen, mit den Wohnräumen der Kinder als Kernstück der Organisation.

Zur Zeit wohnen im Zentrum 38 Mädchen und Jungen im Alter von zwei bis 20 Jahren.

Die BewohnerInnen sind in sehr unterschiedlicher Art und Weise in ihrem Alltag eingeschränkt, von einer leichten Gehbehinderung bis zu schweren Mehrfachbehinderungen. Kinder ab dem siebten Lebensjahr besuchen die öffentliche Schule Ngaramas, die jüngeren bzw. schwerbehinderten Kinder verbringen ihren Tag im Zentrum. In den Schulferien können die Mädchen und Jungen von ihren Eltern abgeholt werden, wenn die Kinder dies möchten und die Familien dazu bereit sind.

Im Zentrum liegt der Fokus auf der Grundversorgung: Regelmäßige Medikamentengabe, saubere Kleidung, Kontinenzversorgung, regelmäßige, ausgewogene Ernährung. Dies wird vor allem von den „Mamas“ (Betreuerinnen) gewährleistet. Ein Physiotherapeut, eine Sozialpädagogin sowie eine weltwärts-Freiwillige beschäftigen und therapieren die Kinder von montags bis freitags.

Viele Familien warten im Moment auf einen Platz für ihr Kind im Zentrum, allerdings sind weitere Aufnahmen zur Zeit nicht möglich.

Ein zentrales Problem ist das Finden von geeignetem und zuverlässigem Personal, sowie die eingeschränkte Mobilität.

Zum einen gibt es in Ruanda kaum die Möglichkeit im Fach der Sonder- oder Sozialpädagogik ausgebildet zu werden und zum anderen liegt das Zentrum in einem Dorf weit entfernt von der Hauptstadt. Gut ausgebildete Menschen kommen nur ungern in die Dörfer und verlangen dann auch sehr hohe Gehälter. Aus diesem Grund arbeitet Médiatrice Mukasharangabo vor allem mit ungelernten Arbeiter*innen, die oft nur unter Druck und Kontrolle zuverlässig arbeiten und nach einigen Monaten das Zentrum wieder verlassen. Vor allem die Bewohner*innen mit geistiger oder Mehrfachbehinderung können noch nicht optimal gefördert werden.

Auch ist die Lage ein Problem in puncto Mobilität. Früh morgens fahren die öffentlichen Busse in die Hauptstadt Kigali, mittags wieder zurück nach Ngarama. Muss ein Kind zu einer Untersuchung, Kontrolle, Anpassung von Orthesen nach Kigali, ist die Fahrt dorthin und wieder zurück ein Problem, denn selten sind die Termine mittags abgeschlossen und eine Übernachtung in der Hauptstadt ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Ein eigenes Auto besitzt das Zentrum nicht.

Hauptsächlich wird das Zentrum von ausländischen Spenden finanziert. Dies birgt immer ein gewisses Risiko, falls die Spendenorganistionen sich zurückziehen und erzeugt außerdem Abhängigkeiten. Ruandische Unterstützung kam bisher sehr unregelmäßig an und machte eine langfristige Planung unmöglich. Durch den von der ruandischen Regierung angestoßenen Transformationsprozess erhofft sich das Zentrum auch stabile Unterstützung aus dem eigenen Land zu erfahren.

Der Transformationsprozess des Zentrums, von einem Heim hin zu einer inklusiven Ganztagsschule mit integrierter Kindertagesstätte,bringt viele planerische Herausforderungen mit sich.
Ziel ist es eine neue Struktur gut zu etablieren und den Kindern mit und ohne Behinderung eine adäquate Beschulung und Betreuung zu ermöglichen.
Auch ein veränderter Personalbedarf lässt sich durch die Umstrukturierung erkennen, der gedeckt werden soll.
Ein wichtiges Ziel von INGEAR und Médiatrice Mukasharangabo ist die Nachsorge der Kinder, die früher dauerhaft in Zentrum lebten und nun zu den Familien zurückgeführt wurden. Bisher finden aufsuchende Besuche nur unregelmäßig statt. Ziel ist es eine gute Nachsorgestruktur zu entwickeln und hierfür die Mitarbeiter*innen durch sonderpädagogische Trainings weiterzubilden.

Langfristig sollen weiter die bereits bestehenden eigenen Einnahmequellen ausgebaut werden und auf diesem Weg die Einrichtung unabhängig von ausländischen Spendern machen.

INGEAR bietet mit regelmäßigen Spenden eine Basis für die monatliche Auszahlung der Gehälter sowie die Nahrungsmitteleinkäufe.

Monatlich werden dem Zentrum von INGEAR die finanziellen Mittel für die Bezahlung der Mitarbeiter*innen sowie die Lebensmittel für die Bewohner*innen zur Verfügung gestellt. Anhand von Gehaltsabrechnungen, sowie Ausgabenlisten für Lebensmittel kann INGEAR in Zusammenarbeit mit Médiatrice Mukasharangabo den monatlichen Bedarf ermitteln und gegebenenfalls anpassen.

In der Vergangenheit hat sich INGEAR außerdem bei der Fertigstellung des Zentrumsgebäudes, sowie durch einzelne Sonderspenden z.B. bei der Anfertigung und Beschaffung von Hilfsmitteln, Orthesen und Operationen begleitet.

Mehr erfahren in unserem Blog: INGEAR in Ruanda

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