Sibusiso wurde, wie einige andere Kinder im Heim, ausgesetzt. Über die Eltern liegen keine Informationen vor. Immer wieder überlassen Eltern in ihrer Verzweiflung, nicht wissend, wie sie ihr Neugeborenes ernähren sollen, das Kind ihrem Schicksal. Sibusiso wurde am Tag seiner Geburt von jungen Männern gefunden, unter Büschen liegend, weinend, die Plazenta noch an der Nabelschnur hängend. Von einem Sicherheitsdienst, dem die Männer das Baby übergaben, wurde Sibusiso in die örtliche Basis-Gesundheitsstation gebracht, von wo aus ihn sein Weg nach einer ersten Versorgung mithilfe einer Krankenschwester ins Kinderheim der Brotherhood of Blessed Gerard führte. Der Junge hat das Glück, nicht (wie einige seiner Freunde im Heim) mit HIV/Aids infiziert zu sein. Er konnte schnell aufgepäppelt werden und wächst im Kinderheim auf – im Gegensatz zu vielen anderen Waisen, die meist auf der Straße leben. Er geht zur Schule, teilt sich das Zimmer mit mehreren anderen Kindern und wird rund um die Uhr betreut. Heute sagt Pater Gerhard Lagleder, Leiter des Kinderheims und einziger Nicht-Südafrikaner in den Einrichtungen, über den inzwischen Neunjährigen: „Er ist mittlerweile ein großer, gesunder, netter und lustiger Junge geworden. Er ist nach wie vor bei uns und es geht ihm blendend.“

Aus einem 1992 gegründeten Projekt zur Bekämpfung der Aidsproblematik im Südosten Südafrikas entwickelte sich schnell ein großes, umfassendes Hilfsprogramm. Nachdem der deutsche Pater Gerhard Lagleder nach Südafrika gekommen war, lag der Fokus seiner Arbeit schnell auf dem Umgang mit der Aidsproblematik in der Region KwaZulu-Natal. 1992 gründete er die Bruderschaft des Seligen Gerhard in Mandini/Südafrika. Innerhalb von 11 Jahren entstanden 14 Einrichtungen und Programme, u.a. ein Kinderheim für Aidswaisen, ein Aidshospiz, eine Nähschule, eine Haushaltsschule, HIV-Aufklärungsprogramme, u.v.m. Heute ist das Gesamtprojekt sehr groß, hat Betriebskosten von mehr als 1 Million Euro (2012) und wächst aufgrund der vielfältigen Probleme ständig an.

Die höchste gemessene Aidsrate der Welt und vielfältige Probleme machen das Projekt abhängig von finanzieller Unterstützung. Die südafrikanische Regierung hat erst in den letzten Jahren ihre ernsthaften Bemühungen zur Bekämpfung von HIV/Aids intensiviert. Sehr viele SüdafrikanerInnen haben weiter keinen Zugang zu Medikamenten, Bildungsprogrammen und Arbeitsmöglichkeiten. Die Region KwaZulu-Natal hat besonders mit Problemen in Verbindung mit HIV/Aids zu kämpfen: Im Jahr 2004 wurde unter den getesteten Personen eine Aidsrate von 76% für die Region festgestellt, die Situation hat sich seitdem nicht signifikant verbessert. Die hohe Sterblichkeitsrate bringt eine Vielzahl von Problemen mit sich – Kinder verlieren ihre Eltern, größere Geschwister sind für die Ernährung & Erziehung der kleineren Geschwister zuständig und vernachlässigen die Schulbildung. Außerdem führen veralteter Irrglaube zu Vergewaltigungen (viele Männer glauben, von HIV geheilt zu werden, wenn sie mit einer Jungfrau Geschlechtsverkehr haben) und Kranke werden vom sozialen Umfeld ausgeschlossen.

Aus einem kleinen Hilfsprojekt wurde eine Organisation, die sich umfassend der Aidsproblematik widmet. Die Bruderschaft des Seligen Gerhard betreibt inzwischen mehrere Gebäude, in denen das Aidshospiz, das Kinderheim, ein Kindergarten, Krankenbetten und Räumlichkeiten für die Behandlung von Aidspatienten sowie für Aufklärungs- und Weiterbildungsprogramme untergebracht sind. Außerdem fahren MitarbeiterInnen in die umliegenden Slums, um Leuten in ihren Häusern zu helfen, die keinen Zugang zu Medikamenten und Transportmitteln haben.

2011 waren 57 Kinder im Kindergarten, 37 Kinder im Kinderheim und 440 Aidspatienten in Behandlung. Es wurden 952 Beratungsgespräche durch SozialarbeiterInnen durchgeführt, 1262 Hausbesuche durch das Hauspflege-Team und 2480 Hausbesuche durch Aids-TherapieberaterInnen. 2011 wurden auch 366 neue stationäre Patienten (Hospiz) aufgenommen und 239 neue Aidspatienten dauerhaft aufgenommen.

Aids und mangelnde staatliche Unterstützung machen der Region schwer zu schaffen. Zwar finanzieren die südafrikanische Regierung und die Bischofskonferenz einen kleinen Teil der Kosten (Aidsbehandlung, Tests, Medikamente), das Projekt ist aber trotzdem extrem von Spenden aus dem Ausland abhängig. 89% der Gesamtausgaben (Stand 2012) werden über Spenden finanziert. Durch die extreme Verbreitung von HIV/Aids ist es für die Menschen in der Region extrem schwierig, aus dem Teufelskreis Armut – Krankheit / keine Bildung – Arbeitslosigkeit – Armut auszubrechen. Obwohl die schlimmsten Jahre in Südafrika überstanden sind (zwischenzeitlich mehr als 30% der Bevölkerung infiziert, Lebenserwartung ging bis auf 47 Jahre zurück), sind die Zahlen weiterhin erschreckend: 5,6 Millionen SüdafrikanerInnen (17,8 % der Gesamtbevölkerung) waren laut UN mit Aids infiziert, in manchen Regionen (u.a. Mandini) sind noch immer mehr als 40% der EinwohnerInnen betroffen. (Quelle: unaids.org)

Die Arbeit soll weiter von Personen aus der Region durchgeführt werden, um die Aidsproblematik direkt und effektiv zu bekämpfen und soziale Strukturen nicht von außen zu gefährden. INGEAR unterstützt vor allem die Praxis des Projektes, Menschen aus der Region in den Einrichtungen auszubilden, einzusetzen und zu fördern. Es werden südafrikanische Ärzte, KrankenpflegerInnen, ErzieherInnen, AusbilderInnen und HelferInnen angestellt, welche als Multiplikatoren fungieren, um die Gesellschaft für den Umgang mit Aidskranken zu sensibilisieren. Es soll möglichst vielen Menschen vor Ort geholfen werden, vor allem all jenen, die ansonsten keinen Zugang zu einem kindgerechten Aufwachsen, zu Bildung, zu Medikamenten, oder Berufschancen hätten. Da das Projekt weiterhin auf langfristige Unterstützung angewiesen ist, ist ein Projektabschluss noch nicht abzusehen.

INGEAR-Gelder werden im Kinderheim und für die Aidstherapie von Patienten verwendet. INGEAR unterstützt in erster Linie finanziell das Kinderheim in Mandini. Kinder, deren Eltern durch Aids gestorben sind, die verwahrlost oder ausgesetzt sind, werden aufgenommen, physisch und psychisch behandelt und bleiben im Kinderheim, wenn sie nicht in ihre Familien reintegriert werden können. Die Kinder bekommen eine umfassende medizinische, erzieherische und schulische Betreuung, um einen Schulabschluss zu schaffen und, wenn sie selbst betroffen sind, mit der Krankheit HIV/Aids leben zu können. Bei dringendem Bedarf im Projekt und finanziellem Spielraum auf Seiten von INGEAR wird die Behandlung der Aidspatienten mitfinanziert. INGEAR entsendet keine Freiwilligen in das Projekt, weil dies Arbeitsplätze/Engagement vor Ort ersetzen würde. Bis auf den deutschen Leiter (seit 1989 in Südafrika) arbeiten nur SüdafrikanerInnen im Projekt, einige sogar ehrenamtlich.